Prof. Dr. Christoph Moss
Wirtschaftsjournalistik
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© 2012 Prof. Dr. Christoph Moss

Das Buch

Heinrich, Jürgen; Moss, Christoph (2006):
Wirtschaftsjournalistik — Grundlagen und Praxis,
VS-Verlag, Wiesbaden, 334 Seiten, 26,90 Euro

„Glanzstück des Buches ist die mehrseitige Liste von Sprechsünden.“
Insight - Markt & Management für Journalisten, 03/2008

„Mit einfachen Definitionen wichtiger Fachbegriffe, Quellen für die Recherchearbeit und dem richtigen Umgang mit Sprache und Zahlen haben Heinrich und Moss ein kleines Wirtschaftslexikon geschaffen, das verdeutlicht, wie qualitative Wirtschaftsberichterstattung aussehen soll. Das Sahnehäubchen ist eine Liste mit Sprachsünden.“
www.horizont.at, 05.06.2007

„Die Lektüre hilft, die Tätigkeit von Wirtschaftsjournalisten an der Börse besser einschätzen zu können. Die Autoren verschaffen einen guten Überblick über die Aufgaben und die Funktion des Reporters auf dem Parkett.“
PR Report, 05/2007

„Experimentierfreudigen wie erfahrenen Wirtschaftsreportern bietet das Lehrwerk [...] eine fundierte und gelungene Basis für hochwertige Berichterstattung. Denn wenn man sie versteht, kann Wirtschaft - für manche ein 'Buch mit sieben Siegeln' - schließlich auch spannend und unterhaltsam sein wie ein Krimi.“
Storyletter (Newsletter von Storymaker - Agentur für Public Relations), 02/2007

„Endlich können angehende Wirtschaftsjournalisten zu einem auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Lehrbuch greifen. [...] Anschaulich beschreiben sie [die Herausgeber] das Handwerkszeug, das die künftigen Ökonomie-Spezialisten für ihre Arbeit brauchen - den richtigen Umgang mit Zahlen und Floskeln, den Aufbau von Texten, das Lesen von Bilanzen und die Kenntnis vom Wirken des Staats in der Wirtschaft. Als Bonus gibt es noch Tipps zur Organisation von Redaktionen.“
Medienspiegel - Mediendienst des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln, 08.02.2007

 

Wirtschaft + Kommunikation + Wissenschaft = Wirtschaftsjournalistik

„Wirtschaft“, „Kommunikation“, „Wissenschaft“ - niemand würde bestreiten, dass dies wichtige Zukunftsthemen sind. Umso erstaunlicher, dass genau dort Funkstille herrscht, wo diese Fächer aufeinander treffen. Wirtschaftsjournalistik, die Wissenschaft vom Wirtschaftsjournalismus, führt ein Außenseiterdasein. Es gibt sie eigentlich gar nicht.

„Die meisten Kommunikationswissenschaftler tun sich mit Wirtschaft schwer. Sie haben mangels Vorbildung keinen Zugang zu diesem Thema“, sagt Stephan Ruß-Mohl, Professor an der Universität Lugano. Ähnlich äußert sich sein Kollege Volker Wolff von der Universität Mainz. „Es gibt kaum Literatur.“ Deutschland ist dabei kein Einzelfall. Auch in anderen Ländern beschäftigt sich die Kommunikationswissenschaft kaum mit dem Wirtschaftsjournalismus.

Wie aber kann das sein? Wenn sich Wissenschaftler mit Journalismus befassen, sprechen sie gern von einer besonderen „öffentlichen Aufgabe“. Medien, so lernen es die Studenten an der Universität, sollen Öffentlichkeit herstellen. Nur so können Journalisten das politische und soziale Handeln kontrollieren. Und kaum jemand wird bestreiten, dass Wirtschaft ein wesentlicher Teil dieses sozialen Handelns ist.

Der englische Ökonom Arthur Cecil Pigou hat einmal gesagt, dass Wirtschaft alles umfasst, was auf den Maßstab des Geldes gebracht werden kann. Und das ist eine ganze Menge. Kaum vorstellbar, dass es „Tagesschau“-Nachrichten gäbe, die nicht auf den Maßstab des Geldes gebracht werden könnten. Vorstellbar aber ist, dass ein großer Teil der Zuschauer die Fernsehnachrichten gar nicht erst versteht. Darauf jedenfalls gibt es deutliche Hinweise aus der Kommunikationswissenschaft.

Und nachweisbar ist, dass die Deutschen große Defizite bei ökonomischer Bildung haben. Was ist sicherer, die Aktie oder das Sparbuch? Und in welcher Stadt ist der Sitz der Europäischen Zentralbank? Immer wieder weisen Studien nach, dass Erwachsene Probleme haben, solche Fragen zu beantworten.

Dies zu ändern ist Sache von Lehrern, Bildungspolitikern - und Journalisten. In einer Zeit, in der Menschen eigenverantwortlich Entscheidungen treffen zur Altersvorsorge, zur Gründung eines Unternehmens oder zur Finanzierung ihres Studiums, wird der Umgang mit Wirtschaft zu einem gesellschaftlichen Schlüsselthema.

Der Wissenschaftler Stephan Ruß-Mohl beobachtet von der Schweiz aus die Entwicklung des europäischen Journalismus. „Medienforscher haben erst spät damit begonnen, sich jenseits der Politikberichterstattung um einzelne Berichterstattungsfelder zu kümmern“, sagt der Leiter des Europäischen Journalismus-Observatoriums in Lugano. So seien auch Sportjournalismus oder Kulturberichterstattung wissenschaftlich vernachlässigt worden. „Erst in jüngster Zeit entdecken beide Seiten, wie spannend es sein kann, interdisziplinär zu arbeiten und aufeinander zuzugehen“, sagt Ruß-Mohl.

Was genau zur Wirtschaftsjournalistik gehört, hat der emeritierte Dortmunder Journalistikprofessor Jürgen Heinrich zusammengetragen. Das Ergebnis: fast alles. Die Berichterstattung über Unternehmen, Branchen und Märkte zählt dazu genauso wie die journalistische Betrachtung des Menschen in seiner Eigenschaft als Arbeiter, Unternehmer oder Konsument. Selbst die Frage, wie Medien über die Gesundheitspolitik berichten, über die Imageeffekte einer kommunalen Segelregatta oder über den Sinn von Kultursubventionen ist Gegenstand der Wirtschaftsjournalistik. Claudia Mast von der Universität Hohenheim spricht von der „Ökonomisierung unseres Alltages“, die jeden etwas angehe - Nachwuchsjournalisten und Kommunikationswissenschaftler gleichermaßen.

Wirtschaft ist damit ein Querschnittsthema - in der täglichen Arbeit der Journalisten genauso wie in der wissenschaftlichen Theorie. Und dies wiederum könnte erklären, warum die Hochschulen das Thema noch nicht richtig zu fassen bekommen haben. Immerhin aber gibt es erste hoffnungsvolle Ansätze. So entwickeln Kommunikationswissenschaftler eine gewisse Leidenschaft bei der Frage, welchen Einfluss PR-Strategen auf den klassischen, unabhängigen Journalismus haben. Und hilfreich sind sicherlich auch Untersuchungen zur Kursentwicklung von Aktien, die Gegenstand von öffentlich geäußerten Aktienempfehlungen sind. Nur ist dies nicht besonders kreativ.

Interessanter erscheinen Versuche, die ökonomischen Theorien auf die Kommunikation anzuwenden. Die Frage etwa, ob Journalismus ein öffentliches oder ein privates Gut ist, hat den Wissenschaftler Jürgen Heinrich ein halbes Forscherleben lang beschäftigt. Die Antwort: Journalismus ist beides.

Und darüber, ob sich Journalisten bei der Ausübung ihres Berufs ökonomisch rational verhalten, lässt sich trefflich streiten. Stephan Ruß-Mohl jedenfalls kann sehr schlüssig zeigen, dass sich Größen wie Knappheit, Unsicherheit und Wettbewerb sehr wohl auf die Alltagsarbeit in Redaktionen auswirken. Seine These: Der Journalist handelt wie ein „homo oeconomicus“, wenn er recherchiert, schreibt und Nachrichten auswählt. Anders als vielfach vermutet, dienen Journalisten weniger dem Allgemeinwohl als viel mehr eigenen, egoistisch motivierten Zielen.

In der eher sozialwissenschaftlich orientierten Kommunikationslehre sind solche Aussagen eine Provokation. Aber sie zeigen, dass es lohnenswert sein kann, die scheinbar fremden Welten „Wirtschaft“, „Kommunikation“ und „Wissenschaft“ zusammenzuführen.

 

Auszug aus: Moss, Christoph (2006): Wissenschaft für Außenseiter, in: Handelsblatt Nr. 236 vom 06.12.06 Seite 9