
Moss, Christoph (Hrsg.) (2009): Die Sprache der Wirtschaft, VS-Verlag, Wiesbaden, 202 Seiten, 24,90 Euro
„Kurz gefasst, kurzweilig, nie zu kurz argumentiert. Ein
praktischer Band für jeden, der sich mit Wirtschaftsjournalismus
beschäftigt. Viel Spaß beim Lesen!“
message - Internationale Zeitschrift für Journalismus, 2-2010
„Kein Zweifel: Das Buch zeigt, wie fruchtbar es ist, sich mit
verschiedenen Aspekten der Sprache der Wirtschaft zu beschäftigen.
Die Frage, welche Zielgruppen der Sammelband anspricht, ist
angesichts der vielfältigen Perspektiven allerdings nicht einfach
zu beantworten. Da die forschungs- und theoriegeleiteten Beiträge
auch in Grundlagen einführen, richtet sich der Sammelband wohl vor
allem an Kommunikationspraktiker und Fachfremde.“
Klaus Spachmann in rkm-Journal, 07.04.2010
Wirtschaft und Sprache führen eine merkwürdige Ko-Existenz. Sie beeinflussen sich gegenseitig, soviel ist sicher. Aber sie mögen sich nicht. Wer in einer deutschen Buchhandlung ein Wirtschaftsbuch kaufen will, geht automatisch in die oberste Etage und sucht dann in einer abgelegenen Ecke. Wirtschaftsbücher führen zwar Ökonomie und Linguistik auf ideale Weise zusammen, aber sie bringen keinen nennenswerten Umsatz.
Auch der Wirtschaftsjournalismus ist nicht so bedeutungsvoll, wie es dem ersten Augenschein nach wirkt. Die größte täglich erscheinende Wirtschaftszeitung dieser Republik, das Handelsblatt, erreicht gerade einmal die Auflage eines beliebigen Regionalblattes. Eine Wirtschaftszeitung mag relevant sein, auch sie mag Wirtschaft und Sprache klug miteinander in Einklang bringen, aber die Kunden konsumieren lieber andere Medien.
Wie tief die Kluft zwischen Ökonomie und Linguistik ist, zeigt das Beispiel des Schweizer Schriftstellers Urs Widmer. „Es ist pervers“ (Widmer 2007: 152), sagte er einmal in einem Interview mit der Wirtschaftswoche. Die Sprache des Kapitalismus habe „präfaschistische Beiklänge“ (Widmer 2007: 151). „Alle Diktaturen, gipfelnd im Faschismus, suchen sprachliche Eindeutigkeit. Genau darin ist ihnen die Sprache der Ökonomie verwandt: Sie sucht nach eindeutigen Regelungen und gängelt das Sprachverhalten, freilich nicht durch Anordnung, sondern durch stilles gegenseitiges Abgleichen. Und sie hat eine Eigenschaft, die für alle korrupten Sprachen charakteristisch ist: Sie ist durch und durch euphemistisch“ (Widmer 2007: 151).
Über diese Form der gedanklichen Zuspitzung lässt sich trefflich streiten. Tatsache ist, dass das Zusammenspiel von Wirtschaft und Sprache häufig aus einer Kette von Missverständnissen besteht. Gerade in der Sprache der Wirtschaftskrise zeigte sich die Krise der Wirtschaftssprache. Ein nie da gewesener Verlust von Glaubwürdigkeit und Vertrauen umwehte in der Krise 2008/2009 ganze Branchen. Aber statt darauf zu reagieren, wandten sich viele Unternehmen fast schon hilflos an ihre Kunden. Sie behielten ihre unverständlichen Werbesprüche bei, formulierten Worthülsen und produzierten Plattitüden (vgl. Moss 2009: 9).
Ökonomie und Linguistik unter diesen Umständen miteinander in Einklang zu bringen, scheint beinahe unmöglich. Aber es gibt handfeste Gründe, warum genau dieser Versuch legitim ist. Sprache spielt in der Kommunikationsgesellschaft eine herausragende Rolle. Wenn die Wirtschaft sich also weiterentwickeln und weiterwachsen soll, dann muss sie sich mit Kommunikation auseinandersetzen. Wollen Unternehmen und Kunden zueinanderfinden, dann geht dies nur mit Sprache. Systemtheorie, Ökonomik – egal durch welche wissenschaftliche Brille wir den Sinn und Unsinn von Kommunikation betrachten: Die Wirtschaft braucht die Sprache.
Aber gilt dies auch umgekehrt? Braucht Sprache die Wirtschaft? Urs Widmer wird auf diese Frage eine sehr eindeutige Antwort finden. Tatsache ist, dass Sprache sich immer auch im historischen Kontext mit der Wirtschaft verändert hat. Handel, das Bereisen ferner Länder, der Austausch von Waren über Staatsgrenzen hinweg haben die Sprache beeinflusst und verändert. Dies gilt bis in die heutige Zeit, und es lässt sich abendfüllend darüber diskutieren, ob die Globalisierung der Sprache eher nutzt oder eher schadet.
Das vorliegende Buch will den Versuch unternehmen, Wirtschaftssprache von verschiedenen Blickwinkeln aus zu betrachten: Aus der Perspektive der Unternehmen, die sich in Form von Geschäftsberichten, Public Relations und Werbung an ihr Publikum wenden. Und aus der Perspektive der Interessengruppen wie Journalisten, Politiker und Börsianer. Sie verfolgen unterschiedliche Ziele und beeinflussen mit ihrem Tun das Wirtschaftssystem. All dies geschieht unter Berücksichtigung der besonderen Bedingungen für Wirtschaftssprache: Vertrauen, Globalisierung, Internet und Technik bilden den Rahmen für Kommunikation innerhalb der Wirtschaft.
(...)
So facettenreich und perspektivisch unterschiedlich die Beiträge in der Gesamtschau sind – sie zeigen, dass Wirtschaftssprache ein äußerst lohnender Untersuchungsgegenstand ist. „Die Sprache der Wirtschaft“ unterliegt einem dynamischen Prozess. Sie ist die Folge tiefgreifender Veränderungen in Gesellschaft und Ökonomie. Aus praktizistischer Sicht bedarf sie an vielen Stellen aber noch der Verbesserung.
Sie ist häufig unverständlich, und sie ist oft Ausdruck einer manchmal abgehobenen Geisteshaltung. In diesem tatsächlich krisenhaften Zustand versäumt es die Wirtschaftssprache, eine spezifische Funktion auszuüben. Es scheint, als verhindere sie gelegentlich Kommunikation, statt sie zu fördern. Wenn Manager sich unpräzise ausdrücken, wenn Börsianer in Vokabeln sprechen, die nicht eindeutig definiert sind, dann trägt die Sprache der Wirtschaft eben nicht zum Aufbau von Glaubwürdigkeit und Vertrauen bei Kunden, Anlegern und Mitarbeitern bei.
Dies muss aber nicht so bleiben. Gerade Wirtschaftsakteure beweisen schließlich immer wieder ihre ausgeprägte Veränderungs- und Anpassungsfähigkeit. Wenn sich erst einmal die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass gute Sprache ein wertvolles Gut ist, dass sie eine Ressource darstellt, dass sie eine lohnende Investition ist – wenn Sprache also in diesem Sinne funktional wird, dann wird auch die Wirtschaftssprache dazu beitragen, dass sich Kommunikation auf positive Weise weiterentwickeln kann.
Zugegeben, es ist ein langer Weg. Aber vielleicht kann dieses Buch ja einen kleinen Beitrag dazu leisten, zwischen den manchmal weit entfernten Sphären Ökonomie und Linguistik zu vermitteln.
Literatur:
Moss, Christoph (2009): Nonsens aus der Chefetage, in: Handelsblatt vom 14.01.2009, S. 9
Widmer, Urs (2007): „Es ist pervers” – Der Schweizer Schriftsteller Urs Widmer über das Sprachregime des Kapitalismus und die Unterwerfungslust der Manager“, in: Wirtschaftswoche Nr. 37, S. 150-152.
Auszug aus: Moss, Christoph (2009): Sprache der Wirtschaftskrise oder Krise der Wirtschaftssprache? Über das besondere Verhältnis von Ökonomie zu Linguistik, in: Christoph Moss (Hrsg.): Die Sprache der Wirtschaft, S. 9 – 15, VS-Verlag Wiesbaden