Moss, Christoph (2009): Sprache der Wirtschaftskrise oder Krise der Wirtschaftssprache? Über das besondere Verhältnis von Ökonomie zu Linguistik, in: Christoph Moss (Hrsg.): Die Sprache der Wirtschaft, S. 9 – 15, VS-Verlag Wiesbaden
Moss, Christoph; Schweins, Roland (2009): Internet und Wirtschaftssprache: Wie Suchmaschinen die Kommunikation verändern, in: Christoph Moss (Hrsg.): Die Sprache der Wirtschaft, S. 161 – 178, VS-Verlag Wiesbaden
Moss, Christoph; Stog, Niklas (2009): Lieber gemeinsam statt einsam, in: Absatzwirtschaft 9/2009, S. 38 – 40
Moss, Christoph (2009): Wenn ein Billigflieger den Euro zum Schütteln bringt, in: Blickpunkt Wirtschaft 8/2009
Moss, Christoph (2009): Ethische Herausforderungen: Verschwimmende Grenzen im Online-Journalismus, in: Susanne Fengler, Sonja Kretzschmar (Hrsg.): Innovationen im Journalismus, S. 133 – 149, VS-Verlag, Wiesbaden
Moss, Christoph (2009): Kinderwelt ist Medienwelt, in: Handelsblatt vom 29.04.2009, S. 9
Moss, Christoph (2009): Wirtschaft und Journalistik, in: Handelsblatt vom 01.04.2009, S. 9
Moss, Christoph (2009): Das bloggende Ich – Unterschiede zwischen Weblogs und Journalismus, in: Journalistik Journal 1/2009, S. 30 – 31
Moss, Christoph (2009): Es könnte so einfach sein, in: Ruhr-Wirtschaft 3/09, S. 12
Moss, Christoph (2009): Flexibel fernsehen, in: Handelsblatt vom 04.03.2009, S. 9
Moss, Christoph (2009): Den „einen“ Wirtschaftsjournalismus gibt es nicht – Spezialisierung vom crossmedialen Alleskönner bis zum Konjunkturexperten, in: Beatrice Dernbach, Thorsten Quandt (Hrsg.) Spezialisierung im Journalismus, S. 147 – 156, VS-Verlag Wiesbaden
Moss, Christoph (2009): Löcher im Netz, in: Handelsblatt vom 04.02.2009, S. 9
Moss, Christoph (2009): Nonsens aus der Chefetage, in: Handelsblatt vom 14.01.2009, S. 9
Moss, Christoph (2009): Journalisten und Aktien, in: Handelsblatt vom 07.01.2009, S. 9
Was also unterscheidet Weblogs von journalistischen Kommentaren in Zeitungen und Zeitschriften? Verwenden Blogger eine andere Wortwahl als etwa Wirtschaftsredakteure in Printprodukten? An der International School of Management in Dortmund (ISM) sind wir diesen Fragen nachgegangen. Für die Studie „Sprachliche Merkmale von Weblogs“ wurden 1.000 Texte ausgewertet, je zur Hälfte Blogs und journalistische Kommentare, die zu einem großen Teil aus Wirtschaftspublikationen stammen. Insgesamt wurden mehr als 350.000 Wörter erfasst.
Blogger, dies zeigen die Ergebnisse deutlich, entwickeln eine eigene Stilform. Es gibt kommentierende Blogs, die mit dem journalistischen Kommentar gleichgesetzt werden können. Aber es gibt auch Weblogs, die stilistisch eher einer Kurzgeschichte ähneln. Sie stecken voller Phantasie, haben aber in der Regel nichts mit Journalismus und schon gar nicht mit Wirtschaftsjournalismus zu tun.
„Ich blogge, also bin ich“, schreibt ein Blogger in erkenntnisreicher Online-Philosophie. Ganz offensichtlich hat dieses „Ich“ bei seinesgleichen einen hohen Stellenwert. Durchschnittlich mehr als zweimal pro Blogeintrag taucht in den untersuchten Texten das Wort „ich“ auf, mehr als achtmal so häufig wie in einem vergleichbaren journalistischen Text. Verwandte Begriffe wie „mir“, „mich“ und „mein“ weisen eine ähnliche Tendenz auf.
Auffallend ist aber nicht nur die Liebe zum eigenen Ich. Offenbar neigen Blogger dazu, die Wichtigkeit ihrer Aussagen zu betonen. Nahezu doppelt so oft wie Journalisten von Zeitungen oder Zeitschriften unterstreichen sie ihre Feststellungen mit einem Ausrufezeichen.
Sind Blogs also das Medium für wichtigtuerische Egoisten? Wohl eher nicht, denn die Ichbezogenheit liegt in der Natur der Weblogs. Sie sind historisch entstanden als Internet- Tagebücher. Und in jedem Tagebuch spielt das Ich des Schreibers eine herausragende Rolle. Im Journalismus dagegen gilt es traditionell als unfein, die Person des Autors in den Mittelpunkt zu rücken. Ein Wirtschaftsredakteur etwa soll kommentieren, einordnen, informieren. Aber er soll sich selbst als Persönlichkeit zurücknehmen. Das Wort „ich“ tritt dabei in den Hintergrund. So lernen es Journalistenschüler seit Generationen.
Auffallend allerdings ist der Hang, Anglizismen zu verwenden. Blogger gebrauchen besonders gern Begriffe englischer Herkunft – statistisch gesehen viermal so häufig wie Verfasser von gedruckten Kommentaren. Pro Blog-Eintrag werden damit im Schnitt mehr als acht solcher Anglizismen gezählt. Dies dürfte mit den Inhalten der Texte zusammenhängen. Sie sind sehr häufig technisch geprägt und drehen sich oft um den Schwerpunkt Internet und Medien.
Anders aber als vielfach wahrgenommen, sind viele Blogger professionelle Kommunikatoren. Die Untersuchung zeigt, dass die erfolgreichen Verfasser von Weblogs nahezu ausnahmslos Berufsautoren aus Journalismus, Public Relations, Werbung oder Informationstechnologie sind. Nicht selten treten Blogger und Journalisten sogar in einer Doppelrolle auf. Stefan Niggemeier etwa schreibt für die Printausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ genauso wie für „Bildblog“ und „Stefan-Niggemeier.de“. Auch „Handelsblatt“-Redakteur Thomas Knüwer gehört mit „Indiskretion Ehrensache“ zu den erfolgreichsten Bloggern in Deutschland.
Wer aber leistet bessere Arbeit – Journalisten oder Blogger? Wissenschaftler der Hamburg Media School gingen der der Frage nach, wie Nutzer die Qualität von Blogs beurteilen und welche ethischen Standards sie bei der Lektüre von Weblogs im Vergleich zu Zeitungsartikeln anlegen. Sabine Trepte, Leonard Reinecke und Katharina-Maria Behr zeigen, dass Leser bei Tageszeitungen eher journalistische Qualität erwarten als bei Blogs – was auf den ersten Blick nicht überrascht. Ethisch fragwürdige Texte, die in einer Tageszeitung erscheinen, werden allerdings ebenso abgelehnt wie ethisch bedenkliche Beiträge in Weblogs. Ein schlechter Journalist ist also nicht besser als ein guter Blogger.
Die entscheidende Frage ist, wer die Spielregeln für den Informationstransfer definiert. Der gedruckte Journalismus orientiert sich am Presserat. Seine Arbeit ist allgemein akzeptiert und verläuft nach einem eingespielten Muster. Im Netz ist es deutlich schwerer, ethische Standards zu setzen und zu überwachen. Die Idee von der Etikette im Netz klingt verlockend. Diese „Netiquette“ aber, so die Wissenschaftler, „gibt normative Regelwerke vor, während das Web 2.0 auf der Eigenverantwortung des Publikums beruht“.
Besonders hart geht Siegfried Weischenberg mit den Bloggern ins Gericht: Es falle auf, „dass eine nicht unwichtige Gruppe unter den Bloggern nichts anderes tut, als sich an den herkömmlichen Medien und seinem Journalismus, den sie unterirdisch findet, abzuarbeiten“, sagte er bei einer DGPuK-Tagung in Bremen. „Dies sind die neuen Medienkritiker. Als Büchsenspanner der Szene wirken dabei einige Journalisten, die hier mit einem gewissen Guru-Appeal ein bisschen ,off the record‘ aus ihrem aufregenden Berufsleben plaudern und ansonsten einen Teil ihres kommunikativen Adrenalins ausschütten, und zwar sehr bewusst.“
Die Kommunikationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts scheint die Rolle der Blogger noch nicht fassen zu können – oder zu wollen. Eine wichtige Erkenntnis aber liefert unsere Untersuchung: Es gibt in der sprachlichen Gestaltung fundamentale Unterschiede zwischen Weblogs und den Kommentaren wichtiger Leitmedien. Blogs sind ein eigenes Genre, das eine ganz spezifische Sprache verwendet. Sie sind personalisiert, unterstreichen eigene Aussagen lautstark und verwenden auffallend häufig Anglizismen.
Nachrichtliche Informationen werden auch künftig von den klassischen Medien produziert werden: Print, Rundfunk, Fernsehen und die Online-Nachrichtenseiten etablierter Anbieter wie „ftd.de“ oder „handelsblatt. com“ liefern vertrauenswürdige Wirtschaftsinformationen und ordnen diese fundiert und sachlich ein. Dies erst ist die Basis für Blog- Autoren. Erst wenn der Journalismus Nachrichten produziert hat, können Blogger diese Themen subjektiv, emotional und unberechenbar aufbereiten. Blogs sind also keine Nachrichtenmedien. Und so ist auch nicht zu befürchten, dass sich der Journalismus der Zukunft komplett vom gedruckten Papier in die elektronische Blogosphäre verlagern wird.
Auszug aus: Moss, Christoph (2009): Das bloggende Ich – Unterschiede zwischen Weblogs und Journalismus, in: Journalistik Journal 1/2009, S. 30 – 31