Bild:
Großes Chaos rund um Opel
Was plant GM, was passiert
mit Opel, bleiben die Standorte in Deutschland, was ist mit Bochum?
Allmählich ist das Chaos rund um diese Fragen kaum noch
durchschaubar.
21.November 2009
Ruhr Nachrichten:
Klartext über die
Sprache der Wirtschaft
In „Deutsch für Manager“ hat
Prof. Dr. Christoph Moss das Thema Kommunikation mit einem
Augenzwinkern betrachtet. In seinem neuen Sammelband „Die Sprache
der Wirtschaft“ geht er das Thema wissenschaftlich an.
17. Oktober 2009
Fachjournalist:
Nach der Krise
ist vor der Krise
Bereits zum zweiten Mal innerhalb
von zehn Jahren steht der Wirtschaftsjournalismus am Pranger. Nach
dem Zusammenbruch der New Economy wurde ihm ebenso Versagen
vorgeworfen wie jetzt in der aktuellen Finanz- und
Wirtschaftskrise. Dabei scheint eine generelle Kritik nicht
angebracht.
4/2009
Passauer Neue Presse:
Was ehemalige Stipendiaten zum
„Passauer Modell“ sagen
Christoph Moss (Stipendiat
von 1990 bis 1993) arbeitete nach seiner Ausbildung zwölf Jahre
lang als Wirtschaftsredakteur.
18. September 2009
WDR 5
Funkhaus Wallrafplatz:
Immer nur Krise
Funkhaus Wallrafplatz diskutiert mit
Hörern und Experten über die Aufgaben der Medien in Zeiten der
Krise.
11. April 2009
Deutschlandradio Kultur:
Das kann auf Dauer nicht gut gehen
Der Professor für
Unternehmenskommunikation und ehemalige "Handelsblatt"-Redakteur,
Christoph Moss, macht die Ausbildung der Redakteure für den
schlechten Ruf des Wirtschaftsjournalismus verantwortlich.
20. März 2009
taz:
Warnungen ohne Widerhall
Die meisten deutschen
Journalisten haben erst über die Wirtschaftskrise berichtet, als
sie nicht mehr zu übersehen war.
19. März 2009
Ruhr Nachrichten:
Sprache im Visier
Über Sprache im Allgemeinen und die
der Manager im Besonderen referierte Christoph Moss.
23. Januar 2009
Ruhr Nachrichten:
Sprache kann Vertrauen schaffen
Professor Christoph Moss zu Gast bei Kontaktbörse "3rd
Wednesday"
16. Januar 2009
Wissenschaftler Moss über den Wirtschaftsjournalismus
Der Professor für Unternehmenskommunikation und ehemalige „Handelsblatt“-Redakteur, Christoph Moss, macht die Ausbildung der Redakteure für den schlechten Ruf des Wirtschaftsjournalismus verantwortlich. „Die Masse des Wirtschaftsjournalismus findet bei Lokal- und Regionalzeitungen statt, und da haben wir ein großes Ausbildungsproblem“, sagte Moss.
Dieter Kassel: Warum haben wir das alles nicht rechtzeitig
gewusst?, fragt sich inzwischen so mancher, wenn die aktuelle
Wirtschaftskrise erklärt wird. Wenn es denn wahr ist, dass wie zum
Beispiel der Leiter des Wirtschaftsressorts der „Süddeutschen
Zeitung“ Ulrich Schäfer in seinem neuen Buch behauptet, schon die
Krise der asiatischen Tigerstaaten in den 90er-Jahren ein
deutlicher Hinweis war, wenn das Ende des Immobilienbooms in den
USA 2004 schon absehbar war und wenn die Pleite eines riesigen
Hedgefonds in den USA im Jahr 2005 genau das vorweggenommen hat,
was wir jetzt erleben - wieso stand das eigentlich nicht so richtig
in der Zeitung? Diese Frage taucht immer wieder auf, und dann sagen
zu Recht einzelne Angesprochene, na ja, es stand ja da, sonst
könnte man auch heute nicht darüber reden, das wurde ja alles
erwähnt und es wurde alles erklärt.
Aber irgendwie haben wir ja doch das Gefühl, hm, ich selber hab's
nicht gelesen und hab's auch nicht im Fernsehen gesehen. Man hat
den Eindruck, bis die Krise wirklich so richtig stark und dick
wurde, da hat man immer nur Erfolgsmeldungen gelesen. Da hat man
gelesen, welchen Firmen es wirklich gut ging, da gab es
Wirtschaftsseiten, auf denen wurde vor allen Dingen darüber
berichtet, welche Aktien man gerade kaufen sollte, weil die noch
richtig Potenzial haben.
Und da wurde nur selten kritisch berichtet. Warum das so war und
warum eben Wirtschaftsjournalisten manchmal nicht das einlösen, was
man von ihnen erwartet, darüber wollen wir jetzt mit Christoph Moss
reden. Er war sieben Jahre lang verantwortlicher Redakteur beim
"Handelsblatt", ist Autor mehrerer Bücher zu unterschiedlichen
Wirtschaftsthemen, und er ist seit 2007 Professor für
Unternehmenskommunikation an der International School of Management
in Dortmund und in Frankfurt am Main. Schönen guten Tag, Herr
Moss!
Christoph Moss: Guten Tag, Herr Kassel, ich grüße Sie!
Kassel: Ihr Kollege Sebastian Dullien, ehemaliger Redakteur der
„Financial Times Deutschland“, liefert schon einen Grund für das,
was wir wissen wollen, einen möglichen. Er hat nämlich gesagt in
einem Interview, eine ganze Reihe von Journalisten ist nicht dafür
qualifiziert, Bilanzen zu lesen. Was schätzen Sie denn, wie viel
Wirtschaftsjournalisten können Bilanzen lesen?
Moss: Also da kann ich unmöglich eine Zahl abgeben, aber er hat in
seiner Aussage nicht ganz unrecht. Wir haben, glaube ich, eine
zweigeteilte Gesellschaft da vorliegen. Wir haben sehr, sehr gute,
sehr gut ausgebildete Journalisten in der Spitze, die auch
natürlich Bilanzen lesen können. Aber wir dürfen eben nicht
vergessen, die Masse des Wirtschaftsjournalismus findet bei Lokal-
und Regionalzeitungen statt, und da haben wir ein großes
Ausbildungsproblem.
Kassel: Mit anderen Worten: Man braucht eigentlich mehr
qualifizierte Wirtschaftsjournalisten, als der Markt zur Verfügung
stellt?
Moss: Ja, also der Markt stellt schon genügend
Wirtschaftsjournalisten zur Verfügung, aber um es deutlich zu
sagen, diese Journalisten, aber vor allem auch die Verlage und
Medien, für die sie arbeiten, müssen einfach mehr in Ausbildung
investieren. Die ist dann teilweise zu flach, und gerade bei Lokal-
und Regionalzeitungen haben wir die Situation, dass wir häufig
Journalisten haben, die heute, sagen wir mal etwas überspitzt, über
Amy Winehouse berichten und morgen über Asset-Backed Securities.
Und das kann auf Dauer nicht gut gehen.
Kassel: Sind denn Wirtschaftsjournalisten nur in einigen Fällen
nicht ausreichend qualifiziert oder gab es nicht zumindest in der
Vergangenheit das Problem, dass die Redaktionen in den Zeitungen -
ob es nun Wochenmagazine sind oder Tageszeitungen - gewisse
kritische warnende Geschichten auch gar nicht haben wollten?
Moss: Also ich glaube, da müssen wir jetzt sehr genau hinsehen. Es
ist immer so ein Dominoeffekt. Wir haben jetzt bei der Finanzkrise
zum Beispiel den Fall, dass wir, wenn wir recherchieren, in die
Archive gehen, uns erinnern, feststellen, dass es schon auch 2007,
2008 ausreichend Hinweise auch im Journalismus gegeben hat:
Achtung, da kommt was oder da droht etwas. Nur - da gehe ich auch
konform zum Beispiel mit Roland Tichy, dem Chefredakteur der
"Wirtschaftswoche" - wir haben, glaube ich, in Deutschland so eine
Grundhaltung, Finanzmarkt, das ist so was eigenes, und das hat erst
mal nichts zu tun mit der Realwirtschaft. Und wir spüren jetzt sehr
deutlich, dass eine Finanzkrise sich natürlich auf unser aller
Leben auswirkt. Und im Journalismus ist das ähnlich. Also wir haben
schon eine Spitze von Finanzjournalisten, die immer wieder gesagt
hat: Vorsicht, Immobilienblase, guckt hin - aber die sind nicht
durchgedrungen. Das heißt, der zweite und dritte Dominostein ist
nicht umgefallen, sodass die halt immer so in ihrem kleinen
Schrebergarten berichtet haben, aber die große (…) hat eigentlich
das normale Geschäft weitergemacht wie bisher. Und da, glaube ich,
liegt das Problem.
Kassel: Eigentlich gilt ja im Journalismus das Motto: Bad news is
good news - also nur schlechte Nachrichten sind wirklich große und
berichtenswerte Nachrichten. Gilt das oder galt es, zumindest jetzt
bis zur Krise, im Wirtschaftsjournalismus teilweise nicht?
Moss: Also man muss vorsichtig sein. Ich glaube, dass
Wirtschaftsjournalisten schon zweimal länger drüber nachdenken, ob
sie ein Unternehmen - wie man so schön im Jargon sagt - kaputt
schreiben. Also sie können als Journalist natürlich Dinge in die
Welt setzen und dann dafür sorgen, dass es sich nach dem Prinzip
der sich selbst erfüllenden Prophezeiung dann auch wirklich
einstellt. Also wenn Sie sagen, diese und jene Bank hängt am
Fliegenfänger, dann wird die auch irgendwann in Konkurs gehen,
einfach weil die Leute das Vertrauen dieser Bank nicht mehr
gegenüber bringen.
Und da sind gut ausgebildete Wirtschaftsjournalisten schon drauf
geeicht, sehr genau hinzusehen. Und es ist natürlich schon so, ich
möchte nicht unbedingt eine möglicherweise, ja, Negativausstrahlung
Richtung Konjunktur auch noch besonders vorantreiben. Das heißt,
schlechte Nachrichten sind im Wirtschaftsjournalismus also
eigentlich keine guten Nachrichten.
Stellen Sie sich vor, wir würden jetzt einen Titel haben in einer
Zeitung: „Dax im April bei 9000 Punkten“. Die Leute würden die
Zeitung kaufen wie verrückt. Wir werden es nicht erleben, das kann
man jetzt schon mal prognostizieren, es wird nicht passieren. Aber
es hängt wirklich vom Gesamtmeinungsmarkt ab. Also im Moment wären
gute Nachrichten eher auch wirklich gute Nachrichten. Und dieses
Prinzip, dass wir oft so in der Boulevardpresse haben, das greift
eigentlich auf den Wirtschaftsjournalismus so nicht durch. Da ist
man doch schon auch bemüht, Negativtendenzen auch ruhig mal
gelegentlich ein bisschen differenzierter zu betrachten.
Kassel: Hat das auch etwas damit zu tun, dass gerade die
elektronischen Medien, wenn sie sich denn mit Wirtschaft
beschäftigen, Erfolge doch im letzten Jahrzehnt, in den letzten 15
Jahren ganz anders hatten - seien es Sender wie n-tv oder N24 in
Deutschland, Angebote wie der Wirtschaftsfernsehsender CNBC in den
USA? Das waren ja eigentlich viele Stunden am Tag reine
Aktientipp-Kanäle. Sind dadurch auch andere Medien unter Druck
geraten, weil der Medienbenutzer plötzlich erwartet hat, in einem
Wirtschaftsmedium muss ich erfahren, was ich kaufen kann?
Moss: Ja, also historisch war das sicherlich so. Es gab gerade -
Sie haben es eben selbst ja gesagt - in den 90er-Jahren so eine
Welle Nutzwertjournalismus, also ich möchte schon Informationen
haben, die mir auch was bringen.
Und dann haben auch die großen Zeitungen - wie das „Handelsblatt“
zum Beispiel - angefangen, sehr stark Nutzwertjournalismus
anzubieten. Es gab im „Handelsblatt“ im Zuge des großen Börsenbooms
99/2000/2001 eine eigene Anlegerzeitung, täglich.
Das heißt aber nicht, dass die Journalisten dort Tipps abgegeben
haben, sondern sie haben berichtet über die Welt der Geldanlage,
aber sie haben keine eigenen Tipps gegeben. Da muss man, glaube ich
auch, jetzt wieder differenzieren.
Es gibt und gab einen gewissen Wettlauf, wer mehr Nutzwert bietet,
hat die Nase vorn, das ist auch im Prinzip jetzt erst mal nichts
Verwerfliches, das zieht sich auch weiter. Auch die "Süddeutsche
Zeitung" hat ja in jüngster Zeit noch mal angefangen, Geldanlage
stärker in den Fokus zu nehmen.
Man muss aber eben genau sehen, wie differenziert macht man das.
Und was die Wissenschaft dazu leisten kann, ist ja nun auch, dass
wir feststellen, dem Leser bringt es eigentlich nichts, wenn wir
ehrlich sind. Er hinkt eigentlich immer dem Aktienmarkt hinterher,
er ist immer der Zweit-Gutinformierte. Die Leute an der Börse sind
immer besser informiert. Das heißt, er hat auch so ein bisschen das
Gefühl nur, informiert zu sein. Und dieses wohlige Gefühl, das kann
ihn eben dann auch gelegentlich mal im Stich lassen, wie wir ja im
Moment traurigerweise bemerken.
Kassel: Mich erinnert auch die Diskussion darüber, welche Quellen
Wirtschaftsjournalisten haben und wie sie berichten, ein bisschen
an die Diskussion, die vor auch nicht langer Zeit, eins, zwei, drei
Jahren begann, was den Sportjournalismus anging, als man plötzlich
feststellte, dass ein Sportjournalist eigentlich wenig Ahnung von
Doping hat und bis auf wenige Ausnahmen darüber auch gar nicht
berichten möchte. Welche Quellen haben eigentlich
Wirtschaftsjournalisten und wie recherchieren sie? Ich meine,
Aktienkurse beobachten kann im Prinzip - das ist eine Frage der
Zeit - übers Internet jeder. Ist ein Wirtschaftsjournalist
überhaupt darauf gepolt, auch selbst zu recherchieren, auch selbst
mal andere Quellen zu nutzen?
Moss: Ja, also das muss er unbedingt sein. Und wir haben auch im
Wirtschaftsjournalismus die ganze klare Regel in der Ausbildung,
und da sehen Sie wieder, wie wichtig dieses Wort Ausbildung ist:
Keine Information darf in die Welt gesetzt werden, die nicht auf
mindestens zwei voneinander unabhängigen Quellen beruht.
Sie haben es gerade mit dem Sportjournalismus genannt. Sehen Sie
sich mal die Sportberichterstattung an, also die erreicht selten
dieses Niveau, dass wir mal zwei voneinander unabhängige Quellen
haben. Noch mal: Da, wo wir qualifizierte Ausbildung haben,
passiert das. Und Journalisten müssen recherchieren mit den
Akteuren, sie brauchen auch die Zeit dazu. Sie müssen mit
Konkurrenten sprechen, Mitarbeitern, ehemaligen Mitarbeitern, sie
müssen also auch viel hintenherum recherchieren.
Und eine wichtige Quelle für Informationen, trotz aller Skandale,
die es um diese Berufsgruppe gab, sind natürlich die Analysten. Und
ich muss als Wirtschaftsjournalist wissen, wie gehe ich mit
Analysten um. Und nur ein kleines Beispiel: Analysten sprechen
häufig deutsche oder englische Sprache. Sie verwenden das deutsche
Wort "kaufen" und das englische Wort "buy".
Aber das heißt nicht automatisch, dass ich aufgefordert werde,
diese Aktie zu kaufen. Und schon gar nicht heißt das, wenn Analyst
von Bank A das sagt, dass Analyst von Bank B das Wort genauso
benutzt. Das heißt, wir haben da eine Art Geheimcode. Und
Ausbildung muss natürlich da ansetzen, diesen Code überhaupt erst
mal zu übersetzen, damit ich in der Lage bin zu verstehen, was mein
Gesprächspartner sagt. Und das kann einfach bei dem
Ausbildungsniveau, das wir in der Fläche haben, nicht gewährleistet
sein. Und da sehe ich eben die große Gefahr.
Kassel: Warum hat uns das vorher keiner gesagt? Der
Wirtschaftsjournalist, Autor und Professor für
Unternehmenskommunikation, Christoph Moss, über den
Wirtschaftsjournalismus in Deutschland und seinen Umgang mit der
Krise. Herr Moss, ich danke Ihnen für das Gespräch.
Moss: Ich danke Ihnen auch, Herr Kassel!
Das Interview führte Dieter Kassel in Deutschlandradio Kultur, 20. März 2009