Moss, Christoph (2007): Geräumige Nische, in: Handelsblatt vom 19.12.07, S. 9
Moss, Christoph (2007): Überflüssige Kampagneros, in: Handelsblatt vom 21.11.07, S. 11
Moss, Christoph (2007): Schluss mit dem Börsen-Bla-Bla, in: Message Finanzjournalismus, Heft 4/2007, Thema: „Sprache der Finanzwelt“, S. 8 – 9
Moss, Christoph (2007): Klaffende Wissenslücke, in: Handelsblatt vom 24.10.07, S. 11
Moss, Christoph (2007): Eingebettet oder nicht?, in: Handelsblatt vom 05.09.07, S. 9
Moss, Christoph (2007): Paddelboot und Wasserfall, in: Handelsblatt vom 08.08.07, S. 9
Moss, Christoph (2007): Vom Charme der Kennzahl, in: Handelsblatt vom 11.07.07, S. 9
Moss, Christoph (2007): Hütchenspieler im Netz, in: Handelsblatt vom 13.06.07, S. 9
Moss, Christoph (2007): Wölfe im Öko-Schafspelz, in: Message Finanzjournalismus, Heft 2/2007, Thema: „Kostenfaktor Umwelt“
Moss, Christoph (2007): Qualität und Wettbewerb, in: Handelsblatt vom 16.05.07, S. 9
Moss, Christoph (2007): Vertrauen schaffen, in: Handelsblatt vom 18.04.07, S. 9
Moss, Christoph (2007): Neue Heimat — „Berliner Backwahn“, Seite 253 — 258, in: Jörg Lichter, Christoph Neßhöver; Wunder, Pleiten und Visionen, Berlin 2007 (Econ Verlag)
Moss, Christoph (2007): Global kommunizieren, in: Handelsblatt vom 21.03.07, S. 9
Moss, Christoph (2007): Nicht ohne Journalisten, in: Handelsblatt vom 21.02.07, S. 9
Moss, Christoph (2007): Erfolgsfaktor Sprache, in: Handelsblatt vom 24.01.07, S. 9
Von solchen Geschichten träumen Journalisten: Unbekannter Bäcker kauft 190 000 Wohnungen - und zahlt dafür fast nichts. Ein „Hauptmann von Köpenick“ sei da am Werk, hieß es, und vom „Berliner Backwahn“ war die Rede.
Der Wahn bestand vor allem darin, dass Schiesser nicht nur die
Immobilien übernahm, sondern auch ein riesiges Schuldenpaket von 17
Milliarden D-Mark. Die Neue Heimat war wirtschaftlich am Ende. Der
Konzern stand vor dem Zusammenbruch.
Horst Schiesser, die zentrale Figur jener Tage, hat sich weitgehend
aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. „Er schottet sich ab“, sagt
jemand, der ihn kennt. Eines seiner wenigen Interviews der jüngeren
Vergangenheit gab er dem „Tagesspiegel“. Es sei viel Unsinn über
ihn verbreitet worden, sagte der 76-Jährige dort.
Auch Gewerkschafter winken ab: „Wenn jemand schuld war, dann die
Politik“, sagt ein ranghoher Funktionär. Einer der wenigen, die
über das Geschehene sprechen, ist Joachim Tigges. Er arbeitete
damals für die BGAG und führte Verhandlungen mit Schiesser. „Ein
einfach strukturierter Mann mit Berliner Dialekt.“ Es sei ein
angenehmes Gesprächsklima gewesen. Schiesser und seine Berater
seien nicht wie unterkühlte Manager aufgetreten. „Das waren keine
angelsächsischen Kaufleute, keine Banker mit feinem Tüchlein“, sagt
Tigges.
Als Horst Schiesser die Neue Heimat kauft, ist er Mitte 50. Ein
untersetzter, zupackender Mann. Sein Unternehmen Geschi-Brot ist
Marktführer bei Backwaren. Sogar der Lebensmitteldiscounter Aldi
zählt zu seinen Kunden. Aus der kleinen väterlichen Bäckerei,
gegründet 1945 im Berliner Stadtteil Reinickendorf, hat Horst
Schiesser ein Backimperium geformt. Umtriebig ist er, gründet
weitere Firmen. Vermögensverwaltung, Unterhaltung, Autos - das
Schiesser-Portfolio ist bunt wie das Leben. Und nun also
Immobilien. Er entdeckt sein Interesse für die Neue Heimat, als das
Unternehmen schon tief in der Krise steckt.
Vier Jahre zuvor, am 8. Februar 1982, war die Schieflage des
Unternehmens zum ersten Mal öffentlich geworden. Im
Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ erschien ein Bericht, der den
damaligen Vorstandschef des Konzerns, Albert Vietor, schwer
belastete. Gemeinsam mit weiteren Vorstandskollegen soll er sich
persönlich bereichert haben. Er wurde fristlos entlassen. Die Neue
Heimat bezifferte den Gesamtschaden auf mehr als 100 Millionen
D-Mark. Das Unternehmen zog gegen den Ex-Manager vor Gericht. Zu
einem Urteil kam es aber nicht mehr, weil Vietor zwei Jahre nach
Bekanntwerden des Skandals an einem Herzinfarkt starb.
Die Bürger hatten sich ihr Urteil ohnehin längst gebildet. Das
Vertrauen in die Gemeinwirtschaft war zutiefst erschüttert.
Nach dem Krieg hatten die Gewerkschaften ein veritables
Wirtschaftsimperium aufgebaut. Einzelhandel (Coop), Finanzen (Bank
für Gemeinschaft, BHW), Immobilien - es gab kaum eine Branche, in
der die Arbeitnehmervertreter nicht aktiv waren. Aber sie
wirtschafteten ohne nachhaltigen Erfolg. Bis heute hat die
Gewerkschaftsholding BGAG fast alle namhaften Beteiligungen
abgestoßen. Der letzte prominente Fall war der Verkauf der
angeschlagenen Hypothekenbank AHBR an den US-Investor Lone Star im
vergangenen Jahr.
Die Gemeinwirtschaft hat den Schritt ins 21. Jahrhundert nicht
geschafft. Und der erste große Rückschlag war der Skandal um die
Neue Heimat - ein Sammelsurium von Firmen, die vornehmlich in der
Baubranche aktiv waren. 1954 hatte der DGB beschlossen, alle
eigenen Wohnungsunternehmen wirtschaftlich zusammenzufassen. So
entstand ein Konzern, der billige Wohnungen baute, oftmals
seelenlose Betonburgen am Rande der Großstädte.
Das Unternehmen sollte gemeinnützig wirtschaften. Deshalb durfte
die Neue Heimat nur vier Prozent des Gewinns an die Eigentümer
ausschütten. Die Konzernführung unter Albert Vietor aber strebte
nach Höherem. Sie gründete weitere Firmen, die gewinnorientiert
arbeiten sollten. So entstand ein schier undurchschaubares
Konglomerat, das über Jahre Verluste anhäufte, ohne dass die
Öffentlichkeit dies bemerkte.
Besonders heikel war der Einstieg ins Geschäft mit
Eigentumswohnungen. Potenzielle Käufer hielten sich zurück. Große
Teile der Wohnungen blieben leer. Eine fatale Entwicklung, war doch
viel Kapital gebunden, das auch noch eine erdrückende Zinslast nach
sich zog.
Die Liste der Gläubiger von damals liest sich wie ein imaginäres
„Gesamtverzeichnis des deutschen Kreditwesens“: Die Deutsche Bank
gehörte dazu, die WestLB, die Bremische Volksbank und auch die
Kreissparkasse Kirchweyhe.
Die Gewerkschaften beschlossen den Einstieg in den Ausstieg aus der
Wohnungswirtschaft. Zunächst entwickelten die Funktionäre ihren
gewerkschaftstypischen Reflex: Wenn der Markt nicht so will wie
wir, soll die Politik uns retten.
Um zu verstehen, welche Mechanismen damals greifen konnten und
welche nicht, muss man sich die Bundesrepublik des Jahres 1986
bildlich vor Augen führen: Deutschland ist geteilt. Die Regierung
im Westen besteht aus Politikern von CDU/CSU und FDP. Der
Wohnungsbauminister heißt Oscar Schneider, CSU. Kanzler Helmut Kohl
hat zu diesem Zeitpunkt schon einige Jahre Regierungsverantwortung
hinter sich. Im Januar des folgenden Jahres wird sich Kohl erneut
zur Wahl stellen. Sein Gegenkandidat von der SPD ist
NRW-Ministerpräsident Johannes Rau.
Es ist die Zeit des Vorwahlkampfs. Das Kalkül der Gewerkschaften,
Hilfe bei der Bundesregierung zu suchen, geht nicht auf. Alfons
Lappas, dem Chef der BGAG, gelingt es nicht, den
Wohnungsbauminister auf seine Seite zu ziehen. Nun wird
SPD-Politiker Franz Müntefering aktiv, damals wohnungspolitischer
Sprecher seiner Partei. Am 23. April formuliert er einen offenen
Brief an den „sehr geehrten Herrn Minister Dr. Schneider“. Es
stelle sich die Frage, „ob Sie wirklich konstruktiv mitwirken
wollen oder ob Sie nicht doch - wie andere in CDU/CSU/FDP - vor
allem ein emotionalisiertes Wahlkampfthema suchen“. So wird die
Neue Heimat Teil der politischen Auseinandersetzung. Im Juni setzt
der Bundestag einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss ein,
der die Vorgänge im Konzern untersuchen soll.
All dies sind Rahmenbedingungen, die das Vertrauen der Kreditgeber
in das Unternehmen weiter belasten. Die Verantwortlichen von BGAG
und Neuer Heimat beschließen eine Doppelstrategie. Sie suchen nach
Kapitalanlegern, die bereit sind, Wohnungen zu kaufen. Und sie
verhandeln mit Landesregierungen über den Teilverkauf regionaler
Gesellschaften. Erfolglos. Nur Hessen entschließt sich, die Neue
Heimat Südwest zu kaufen. Parallel dazu finden erste Gespräche mit
Schiesser statt. Anders als es die Medien zunächst berichten, war
der Verkauf an den Berliner Bäcker also kein Schnellschuss, sondern
das Ergebnis eines monatelangen Prozesses.
Schon von Mai 1986 an verhandelte die BGAG mit dem potenziellen
Käufer und seinen Beratern - mal in Berlin, mal in Frankfurt. Nur
wenige Personen wussten davon.
Solche Konstellationen sind immer Garant für die Bildung von
Legenden. Joachim Tigges, heute Berater für die US-Investmentfirma
Cerberus, saß damals als Sachbearbeiter für die BGAG am
Verhandlungstisch. „Es ging zunächst nur um einzelne
Regionalgesellschaften“, sagt Tigges heute. „Erst nach Wochen hat
der Vorstand der BGAG Herrn Schiesser ernst genommen. Man glaubte
nicht, dass er in der Lage wäre, ein solches Paket zu
stemmen.“
Aber das Umfeld wird zunehmend nervös. In den Medien ist die Neue
Heimat Dauerthema. Die Fronten verlaufen klar zwischen
konservativ-liberalen Regierungsanhängern und sozialdemokratischen
Gewerkschaftssympathisanten.
Das Vertrauen der Kreditgeber ist endgültig darnieder. Es besteht
akuter Entscheidungszwang. Und die einzige Option, kurzfristig den
Totalzusammenbruch zu vermeiden, scheint im August 1986 aus Sicht
der Gewerkschaften ein Unternehmer namens Schiesser zu sein.
Vier weitere Verhandlungswochen vergehen bis zu jener Nacht im
September, die mit der Vertragsunterschrift endet.
Der Wohnungsbauminister reagiert prompt. „Mit dem Verkauf ist
keines der Neue-Heimat-Probleme gelöst“, lässt er mitteilen. Die
Medien fangen an zu spekulieren. Was will dieser Herr Schiesser?
Ist er ein Strohmann? „Nein“, sagt der Betroffene immer und immer
wieder. „Wir haben bisher keine Strohgeschäfte gemacht, und meine
Mitarbeiter sind auch keine Strohköpfe.“
Die politische Lage beruhigt sich nicht. Am 19. Oktober kommt es
zum Eklat. Auf dem Gewerkschaftstag der IG Metall in Hamburg wird
Alfons Lappas festgenommen. Vor laufenden Fernsehkameras wird der
BGAG-Chef abgeführt und in Beugehaft genommen. Lappas hatte zuvor
die Aussage vor dem Untersuchungsausschuss verweigert. Ziel dieses
Ausschusses sei vor allem die „Garantie des politischen
Machterhalts der regierenden Parteien gewesen“, sagt der Historiker
Andreas Kunz.
Kunz hat die Vorgänge in der tausendseitigen Dokumentation „Die
Akte Neue Heimat“ zusammengefasst. „Es ist nicht verwunderlich,
dass die Banken in einem solchen Klima nervös wurden.“
Schiesser hat sich bei seinen Verhandlungen mit den Gewerkschaftern
eine ordentliche Mitgift zusagen lassen. Mehr als eine Milliarde
D-Mark wird ihm zugesichert, unter anderem, damit er die Verluste
der vergangenen beiden Jahre ausgleichen kann. Die Kreditinstitute
holen Erkundigungen über den Berliner Unternehmer ein. Sie trauen
ihm nicht zu, dass er das marode Unternehmen sanieren kann. Am 10.
November versammeln sich die Gläubigerbanken. Das Ergebnis ist
niederschmetternd für Schiesser. Die Banken verweigern ihm
notwendige Kreditlinien.
Am darauf folgenden Tag sitzt Schiesser wieder am
Verhandlungstisch. Es wird wieder eine Nachtsitzung, in der er über
die Zukunft der Neuen Heimat verhandelt. Am Ende stimmt Schiesser
dem Weiterverkauf an eine Auffanggesellschaft zu.
43 Tage lang stand er im Rampenlicht. Mit einer Mark schrieb er
Wirtschaftsgeschichte.
Auszug aus: Moss, Christoph (2007): Neue Heimat — „Berliner Backwahn“, Seite 253 — 258, in: Jörg Lichter, Christoph Neßhöver; Wunder, Pleiten und Visionen, Berlin 2007 (Econ Verlag)